Ilios-Rudel
05.September 2010, 16:14:38 *
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Autor Thema: Kurzgeschichten  (Gelesen 692 mal)
Thalia
Alpha

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Geschlecht: Weiblich

« am: 13.Januar 2010, 23:58:50 »

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Thalia
Alpha

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« Antworten #1 am: 13.Januar 2010, 23:59:45 »

Lebt wohl, Gefährten

Iolith lag still auf dem weichen, bunten Laub. Ein kühler Herbstwind zupfte an ihrem Pelz. Aber sie würde nie mehr darauf reagieren. Ihr verkrampfter Körper rührte sich nicht und ihr Kopf war tief in den Nacken gelegt, sodass ihr starrer Blick über ihre Schulter blicken zu schien. Manchmal tropfte ein wenig Schaum von ihrem halb geöffneten Maul und sammelte sich unter ihrem Kinn.

Stumm saß Obsidian unter den Wipfeln der riesigen Bäume. Niemand wagte es, sich ihm zu nähern. Niemand machte ihm einen Vorwurf. Niemand außer ihm selbst.

Malachit schnupperte zögernd an seiner toten Gefährtin. Still und verängstigt zog er sich zurück. Er war ein junger, schmächtiger Rüde, kurz davor, das Rudel zu verlassen – er verstand nicht, warum diese Wölfin dort auf der Erde lag, warum sie ihren Durst nicht hatte löschen können, warum sie ihn angeknurrt hatte, obwohl er ihr doch nur hatte helfen wollen.
Wären sie ein paar Monate eher losgezogen, sie würde vielleicht noch leben. Aber das wusste Malachit nicht. Leise schlich er davon und rollte sich unter einer großen Tanne zusammen.

Erst als der Mond hoch am Himmel stand, erhob sich Obsidian. Er sah sich nicht um, er sprach nicht, er ging nur mit langsamen, bedächtigen Schritten unbeirrt auf den kümmerlichen Rest des Rudels zu, der sich auf einer kleinen Lichtung unsicher zusammendrängte. Sofort drehten sich alle Köpfe zu ihm. Erwartungsvolle Augen richteten sich auf ihn.
 
Der große, dunkle Rüde erwiderte ihre Blicke nicht. Er sah auf den gefrorenen Boden und trat in ihre Mitte. Er brauchte keine Anhöhe, keinen Felsen, um erhaben zu wirken. Der Alpha überragte seine Gefährten alle, und unter seinem Pelz und seinen Narben zeichneten sich mächtige Muskeln und kräftige Sehnen ab. Seine Nähe schien die Wölfe mit Kraft und Hoffnung zu erfüllen. Er würde eine Entscheidung fällen, und der Tod würde vom Rudel ablassen. Einige lächelten zaghaft, andere richteten sich auf, bereit, zu kämpfen, wenn es nötig war.

Als Obsidian in die Mitte getreten war, hob er den Kopf und sah jedem von ihnen kurz in die Augen. „Gefährten. Ich habe euch geführt, länger als die meisten von euch leben. Ich habe für euch verhandelt und erkundet, gekämpft, wenn es nötig war, ich habe Land erobert und Nahrung gefunden und Fremde zu Freunden gemacht. Doch vor fünf Mondenläufen trat ein Fremder in unserer Mitte, den ich willkommen hieß, obwohl ihr Angst hattet. Ich lud Jaspis ein, ein Teil Gemeinschaft zu werden, obwohl sein Geruch falsch schien, ich habe die Furchtsamen beruhigt und die Misstrauischen zurecht gewiesen.
Und wir alle haben dafür bezahlt. Jaspis brachte den Tod in unsere Mitte und ich habe die Augen verschlossen. Ich habe gehofft, es werde gehen, wie es gekommen war. Aber das war ein Irrtum. Ich habe lange nachgedacht. Und ich musste erkennen, dass es für uns kein Zurück gibt. Gefährten, geht, solange ihr es noch könnt. Vielleicht könnt ihr dem Zornigen Tod entkommen. Mein Weg ist hier zu Ende. Ich wünschte, es wäre anders gekommen. Aber es ist zu spät. Ich kann euch nicht mehr führen. Ich habe euch schon zu lange geführt.“
Eine junge Wölfin schüttelte wild den Kopf. „Du bist der Alpha! Wir werden dir folgen, und du wirst uns retten! Du hast uns immer gerettet!“ Einen Augenblick lang verharrten ihre Worte in der Luft. Andere nickten zustimmend. Manche winselten verzweifelt.
Obsidian schüttelte traurig den Kopf. „Lebt wohl, Gefährten.“

Die junge Wölfin wollte ihm folgen, doch ihre Mutter hielt sie zurück. Stumm und verloren standen die sechs Wölfe auf der Lichtung. Malachit schlich unbemerkt in ihre Mitte. Lautlos begann es, zu schneien. Sie blickten ihrem Alpha nach, der langsam zwischen den Bäumen verschwand. Sie sahen sich an und wussten nicht weiter. Als der Morgen herauf dämmerte, erhob sich schließlich einer von ihnen und nickte einen unsicheren Gruß, dann verließ er ihren Kreis. Als wäre dies das Signal zum Aufbruch, zerstreute sich das Rudel in alle Himmelsrichtungen. Einige blieben zusammen, aber die meisten suchten alleine ihren Weg, fort von den dunklen Erinnerungen, von den Knochen, die die Raben und Füchse längst sauber genagt hatten, fort von ihrer Kindheit und ihrer Heimat, die ihnen nichts als den Schatten des Todes gebracht hatte.

Die Sonne hatte gerade ihre ersten Strahlen über die Baumwipfel gesandt, als Obsidian die Straße erreichte. Der Asphalt war kalt unter seinen Pfoten und saugte die Wärme aus den rauen Ballen. Er hörte das Auto, lange bevor er es sah. Der Herbstwind fuhr durch sein Fell und ein paar Schneeflocken verfingen sich in seinen Haaren. Die Idee erschien ohne Vorwarnung in seinem Kopf, so klar und unausweichlich, als sei sie schon immer dort gewesen, nur dass er sie bisher nicht bemerkt hatte. Seine Schritte waren ruhig und bedächtig. Er blieb stehen, ruhig und friedlich zwischen den wirbelnden Blättern. Hier endete sein Weg. Der große Rüde schloss die Augen.

„Ehrlich, ich verstehe das nicht!“ Der Mann war vielleicht um die vierzig, und trotz seiner grauen Schläfen wirkte er irgendwie jugendlich. Verstört blickte er den Polizisten an. „Der Wolf stand mitten auf der Straße! Ich habe laut gehupt, weil ich dachte, er rennt sicher gleich weg. Ich bin noch nie einem begegnet, aber es heißt ja immer, die sind so scheu, ich habe damit gar nicht gerechnet. Ich hab noch versucht, zu bremsen, aber ich hab ihn trotzdem erwischt. Ehrlich, das ist mir noch nie passiert!“ Der Sheriff nickte ihm beruhigend zu. „Es war nicht Ihre Schuld, so was kommt immer mal wieder vor.“ Er seufzte und kritzelte etwas auf ein Formular. Dann warf er einen knappen Blick auf das Tier, das im Straßengraben lag. „Ist ein kräftiger Bursche. Hätte einen guten Alpha abgegeben.“

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